«Die Schultern auf denen wir stehen»

Ein Kunstprojekt zum Thema – Alter und Demenz

Fragen:

In einer Stadt-Welt, in der die Sucht nach Jugend fast unersättlich ist, einer Geschäftswelt, die nur auf Stärke und Erfolg fokussiert ist, wird oft vergessen, dass wir alle auf den Schultern eines andern stehen. Jemand hat diese Welt mal besser mal schlechter noch lange Zeit vor uns belebt. Jemand hat die gleichen Fehler gemacht und die gleichen Siege gefeiert, wie wir es jetzt tun.

Diese Menschen leben aber oft mit uns, in Altersheimen oder anderen Institutionen am Rande der Gesellschaft, wo man sie fast nicht sieht, hohes Alter und Demenz haben keinen Platz mehr in unserer Mitte.

Wie kann ich einen Raum erschaffen, in dem wir dies wahrnehmen können?

Wie kann ich für diese Menschen einen Platz in unserer Mitte schaffen?

Idee:

Auf die Fassaden von verschiedenen Gebäuden der Stadt Zürich sind grosse farbige Transparente gestreckt. Jedes Transparent ist ein Portrait. Nicht von einem Celebrity oder einer politischen Figur, nicht von einem jungen Model oder einem süssen Kind, die etwas zu verkaufen versuchen.  Es sind die Portraits von fast unsichtbaren älteren Menschen, die in Heimen oder anderen geschützten Räumen leben.

Konzept:

Das Projekt wird in verschiedenen Etappen durchgeführt:  

Bei einem oder mehreren Besuchen von verschiedenen Altersheimen/ WGs werde ich deren Bewohner portraitierten, und falls möglich auch ein Gespräch mit ihnen führen. Die Portraits werden mit Bleistift auf Papier gefertigt.

10-15 ausgewählte Portraits werden dann bearbeitet und von einem anderen Künstler in traditionell handwerklicher Manier zu Druckplatten in Holz geschnitzt Diese Portraits werden dann auf ähnliche Art 3-4 farbig auf Papier gedruckt.

Diese Serie wird dann digitalisiert und zu grossen Transparenten bearbeitet.

Diese Transparente werden an verschiedenen Gebäudefassaden in der Stadt Zürich aufgehängt.

Im Rahmen einer feierlichen Vernissage werden die Portraits bei einem städtischen Rundgang zu bestaunen sein. Zu dem Rundgang wird ein Projekt-Flyer ausgehändigt mit Gesprächsnotizen zum jeweiligen Portrait

Begründung:

Altersheime/WGs: Sie sind ein Bestandteil unserer Gesellschaft. Ich möchte keine Kritik üben, sondern eher einen Raum erschaffen, in dem Fragen gestellt werden können: Ist es so gut für uns? Wollen/können wir es anders machen?

Bleistift auf Papier, Druckplatten in Holz geschnitzt: Mit der Benutzung von traditionellen Arbeitsmethoden will ich die «Schultern auf denen ich stehe» ehren und Raum in meiner Welt geben.

Serie von Transparenten an Gebäudefassaden der Stadt: Nebst der offensichtlichen Platzierung der Portrait- Serie mitten in der Geschäfts- und Unterhaltungs-Welt, dient es dem Versuch, die lokale Gemeinde in den gedanklichen Prozess zu involvieren und thematisch miteinzubeziehen.

Persönliche Motivation:

Es geht für mich in diesem Projekt nicht um die Klischees rund ums Alter. Ich denke nicht, dass ältere Menschen immer klug und weise sein sollen, oder dass sie immer viel Erfahrung mit sich bringen müssen.  Mit dem «Platz machen» für dieses Thema will ich ein Raum für kollektive Demut schaffen. Weill ich denke, dass, wenn wir nicht bewusst Platz in unsere Mitte fürs Schwache machen können, all unsere Erfolge und unser Können nichtig und hohl sind.

Wie ich unsere Gesellschaft heute wahrnehme, streben wir nur nach dem Schönen und Süssen, was wiederum zur Gefühllosigkeit führt.  Das Alter ist aber eben nicht süss oder wirklich schön und wird deswegen mit allen Mitteln bekämpft und zu Vergessenheit verdammt.  Was dabei oft vergessen wird, ist dass wir alle einmal alt und zerbrechlich werden, und dass es ohne Zerbrechlichkeit in einer Gesellschaft keine wahrhaftige Stärke gäbe.