«la calsse» September 2015

Der «syrische» Kunstprojekt – ein Portrait Sammlung von Kinder auch Syrien und die Schweiz

Hintergrund

Die Idee, an einem syrischen Projekt bzw. an den dadurch ausgebrochenen Flüchtlingskrisen zu arbeiten, geisterte mir das ganze Jahr 2014 durch. Nachdem ich in Kiew an einem Projekt gearbeitet hatte, das sich mit russisch-ukrainischen Müttern beschäftigte, war mir klar, dass diese Form entstehen würde „à jour-art“ (eine Mischung aus Kunst und Journalismus) ist etwas, dem ich folgen möchte. Das Sehen oder Spüren meiner Modelle in ihrer eigenen Realität, in der sie leben, in ihrem „Jetzt“, hatte etwas, das mich sehr anzog.
Es hat mich dazu gebracht, mich an ihren Zustand anzupassen und mich an ihn anzupassen, und hat mich, wie ich es verstanden habe, zu einem besseren Künstler gemacht. Ich musste zuhören.
Das Jahr 2015 begann für mich persönlich mit einer guten Nachricht, ich hatte drei Shows gebucht und verhandelte über ein Kunstprojekt in Weißrussland (The Pink Mark). Gleichzeitig erreichte die Flüchtlingskrise ihren Höhepunkt und an der griechischen Küste und an der ungarischen Grenze wurde das Leid noch sichtbarer als zuvor. In meinem Hinterkopf hatte ich die Idee, etwas zu tun, aber ich hatte keinen klaren Plan dafür.

Erst bei meiner größten Show des Jahres, die mit einigen Prominenten und dem allgemeinen Reichtum Zürichs gefüllt war, traf ich Aicha Baakili und nach einem kurzen Gespräch mit ihr fanden wir die gemeinsame Basis, die die Prämisse für das „la clase“-Projekt schuf.
Das Konzept für das Projekt wurde sehr schnell entwickelt und nachdem Aicha bereitwillig bereit war, es zu finanzieren, vereinbarten wir einen Termin für unseren Flug an die türkisch-syrische Grenze.

Wie bei den meisten meiner Projekte war es ein Sprung ins kalte Wasser. Das Ausmaß des vorliegenden Themas war überwältigend, aber das Porträtieren war für mich ein völlig neues Terrain, an dem ich nie gearbeitet habe. Die Tatsache, dass ich gerade einen sehr intensiven On-Mount-Aufenthalt in Minsk, Weißrussland, für „The Pink Mark“ beendet habe, hat nicht viel geholfen. Ich war roh, an meiner grenzen, aber gleichzeitig auch sehr klar und nüchtern.

Wir nahmen Kontakt zu Bekannten von Aicha in der Grenzstadt Sulinurfa (Urfa) auf, die uns bei unserer Suche helfen würden. In den nächsten zehn Tagen fanden wir unseren Weg zu Flüchtlingslagern, Slums und Straßenrändern zwischen der Stadt und der verschwommenen syrischen Grenze. Wir hatten Gespräche und Begegnungen, aber hauptsächlich habe ich das gemacht, wozu ich gekommen bin: Flüchtlingskinder zu porträtieren.

Ein kurzer Klip der das Projekt beschreibt

Konzept «la classe» (Die Klasse)

Einführung

Der Geschichte meiner Familie ist mit Geschichten von erzwungener Emigration umwoben. Die Familie meiner Grossmutter suchte Schutz im ottomanischen Palästina wegen der immer wiederkehrenden Pogrome in Weissrussland. Meines Grossvaters Familie wiederum verliess Polen, um in den USA bessere ökonomische Zustände zu suchen. Später verliess sie die USA wieder, um in Palästina der frühen 1920er ein Refugium für das Jüdische Volk zu bauen.

Mein Grossvater und Vater und in gewisser Weise auch ich, haben die Palästinenser zu Flüchtlingen gemacht oder sie in diesen Zustand gehalten

Meine Grossmutter hat uns immer Geschichten erzählt über die grosse Deportation der jüdischen Population von Tel Aviv nach Galiläa durch die türkische Armee. Sie hat erzählt von den Schlägen,  die Ihr Vater und alle Ältesten der Gemeinde von den Türken bekommen haben, auch darüber, wie die Türken  zwei ihrer Brüder zwangsrekrutiert haben. Sie konnte sich immer an die Kälte erinnern und an den Hunger, der sie zwang, Maiskörner aus dem Pferdekot zu suchen, um es zu Rösten und zu verzehren.

Aber für mich waren Grossmutters Kindheitsgeschichten auf eine besondere Weise nie „schlimm“ gewesen. Sie hat sie immer mit kleinen Anekdoten über Ihre jüngere Schwester oder wie sie einer ihre Brüder der bleich und so sehr mager war das die Türken Angst hatten in ihre Hütte rein zu kommen (was wiederum einer andere Bruder gerettet hat.  Es gab aber keinen Hass und keinen Groll oder Angst, nur Kindheitsgeschichten.

Damals, als ich diese Geschichten hörte, wollte ich mich immer in ihre Kindheit versetzten und auch ein Flüchtling sein.

Konzept

Kinder passen sich an, es wurde in den Gettos der NS-Zeit bis zuletzt Kinder beim Spielen beobachtet. Es gibt Berichte, nach denen sogar  Kindersoldaten manchmal wieder zu Kinder werden und spielen und lachen, sobald die Situation es erlaubt. Ein Kind ist ein Kind es ist der Geschichte der erwachsenen der Kinder misshandelt, verhungert, geliebt oder umarmt macht.

Das Zentrum von „la classe“ ist das Kind ohne Geschichte oder Herkunft; ein Flüchtling in der Welt der Erwachsenen.

“la classe”

“la classe” ist eine Installation, die aus Kinder-Portraits zusammengestellt ist. Es werden syrische Kinder, die auf der Flucht sind und Schweizer Kinder portraitiert. Die Portraits werden mit einfachen Mitteln gefertigt (schwarzem Kugelschreiber auf A4-Papier) und werden in einfacher Art gerahmt. Dann werden sie anonym zusammen aufgehängt als gehörten sie zu einer Schulklasse, „la classe 2015“.

Begründung

Form; Der moderne mediale Marketingapparat benutzt immer wieder Kinderbilder, um Emotionen zu wecken, um Angst zu schüren oder Empathie auszulösen.

Die Gleichstellung von Kindern aus der eigenen behüteten Umgebung mit Flüchtlingskindern aus Lagern und Notunterkünften soll beides tun, Empathie für die Not anderen wecken, aber auch ein wachrütteln.  Die Gleichstellung in der bekannten schulischen Form soll dem Betrachter aber einen Raum bieten, dies ohne den Marketinganspruch zu verarbeiten, einen Raum zu geben, wo er eine eher abstrakte Realität wahrnehmen kann; „wir sind alle gleich“.

Material; Die Benutzung der schulischen, fast bürokratischen Materialien wie Kugelschreiber und A4-Format hat verschiedene Gründe. Nebst der praktischen Überlegung im Angesicht des ungewissen Terrains vor allem in Syrien aber auch hier, war es für mich wichtig, dass ich schnell reagieren kann und nicht viel überlegen muss. Ich habe mich an Kriegsreporter der 1800er orientiert, aber mit der visuellen Suche, die eigentlich einer Kamera entsprechen soll.

Es sollte mich auch wieder in meiner Schulzeit versetzten, an das Kribbeln in meinen Heften erinnern und was es bedeutet Kind „Schüler“ zu sein.

Ziel/Absicht   

Wenn ich mich Aktionen wie „la classe“ widme, ist es oft recht impulsive und spontan es müsse ein paar Sachen einfach stimmen und  „los geht’s“.  Eine dieser „Sachen“  ist Angst. Ich muss Angst haben vor das Thema, mögliche Konsequente, Handwerkliche Überforderung usw.   

Im „la classe“ begegne ich alle diese Ängste und noch ein paar mehr.

Ich will keine Angst haben.

Das Projekt wurde im November 2015 in der Galerie La Sud in Zürich und dann 2016 bei den Vereinten Nationen in Genf im Rahmen der Genfer Konvention der Organisation UNwatch präsentiert.

Interview zum Projekt
Aicha Baakili; Daniel wie bist zur „la classe“ Konzept gekommen?

Daniel Eisenhut; Das Konzept als solches ist durch unsere Gespräche entstanden; über meinem früheren Projekte und über deine karitative Arbeit in dem nahen Osten. Es folgt aber einer für mich und meine Arbeit sehr fundamentale Grundsatz; wir tragen zwar alle unterschiedliche Geschichten mit und wir tragen dieser „last“ auch  jeder auf seine individuelle Art, aber wir alle schlussendlich gleich sind.


AB; Warum machst solche Projekte eigentlich?

DE; Eine direkte Antwort habe ich nicht, oft folge ich aber wie zb in der „la classe“ Projekt meine tiefsten Ängste; ich habe Angst vor dem Flüchtling sein, oft ich habe Alpträume wo ich die Kinder meiner Schwestern  aus Flüchtlingslagern befreien muss. Dazu kommt eine sehr klare Angst die direkt aus dieser aktuellen Flüchtlings Krise.


AB; Warum folgst du dein Angst? 

DE; Wie ich das sehe ist  Angst wenn ich will oder nicht, der Hauptmotivator des menschlichen das sein. Weil Angst nicht gerade etwas das ich persönlich ansehen will, habe ich früh gelernt Sie um so genauer anzusehen, so gewinne ich meine persönliche Freiheit.


AB; ich bin eine Araberin und du Israeli wie denkst du beeinflusst dass dieser Projekt?

DE; Unsere kulturelle  Unterschiede kommen da weniger zur gelten aber unsere kulturelle Gemeinsamkeiten geben direkt und indirekt den „la classe“ Projekt sein Bodenhalt. 
Vielleicht tut dieser sehr symbolische Fakt nur das Projekt unterstreichen; es geht da nicht um Nationen, Fahnen, Kulturen oder ähnliche Blödsinn sondern um Menschen, um Kinder, ganz einfach.  

AB; Für den „la classe“ Projekt hast du sehr einfache Materialien gewählt (Kugelschreiber auf A4 Papier), Warum? 

DE; In meiner Arbeit geht es grundsätzlich um ein Versuch die Sachen auf den Punkt zu bringen. Vor allem wenn es geladene Themen wie Zb, Schwule rechte in Belarus wie in meiner vorige Projekt oder wie eben hier um Flüchtlingskinder mitten einer Flüchtlingskrise geht, kann auch jeder so kleine Überreizung das Ganze zu Verschwommenheit bringen. 
Dazu kommt das praktische Überlegung das in der „la class“ Projekt konnte ich nicht wissen wo und in welche Bedingungen Ich arbeiten werde, mit diese Materialien kann ich sehr schnell reagieren und mich dem Situation anpassen. 


AB; Die Arbeit mit den Kindern fehlt dir oft sehr schwer, warum?

DE; Die Arbeit als solches ist leicht ich mache nur was ich immer machen wollte ich zeichne Menschen. Was ich völlig unterschätzt habe ist das diese Kinder fast ausnahmslos traumatisiert sind, manche mehr manche weniger. Ich kenne das PTSD aus den Gesichtern von erwachsenen Freunden und Bekannten in Israel wo es Relative viel vorkommt, aber hier sind es Kinder die dieser Trauma Zeichen im Gesicht tragen. 
Wenn ich Menschen zeichne probiere ich Sie so zu malen wie Sie eben vor mir sind und versuche dabei so neutral wie möglich zu bleiben. Dies bringt mit sich das ich oft Sachen sehe die ich nicht wirklich lustig sind. 

AB; Wie wirkt das auf die Bilder?

DE; zu meiner Überraschung sind die Bilder oft sehr Naiv fast Kitsch, man sieht das es um Kinder geht aber sie wirken sehr alt.