«la calsse» September 2015

Porträts syrischer und Schweizer Kinder

Gezeigt im November 2015 in der Galerie La Sud in Zürich und 2016 bei den Vereinten Nationen in Genf, im Rahmen einer Veranstaltung der Organisation UN Watch zur Genfer Konvention.

Hintergrund

Die Idee, zur Flüchtlingskrise zu arbeiten, ging mir das ganze Jahr 2014 nicht aus dem Kopf. Nach einem Projekt in Kiew über russisch-ukrainische Mütter war mir klar, dass ich dieser Form folgen wollte: «à jour-art», eine Mischung aus Kunst und Journalismus. Meine Modelle in ihrer eigenen Wirklichkeit zu sehen und zu spüren, in ihrem Jetzt, hatte etwas, das mich stark anzog. Es zwang mich, mich ihrem Zustand anzupassen — und hat mich, wie ich es verstehe, zu einem besseren Künstler gemacht. Ich musste zuhören.

Das Jahr 2015 begann für mich gut: drei gebuchte Ausstellungen und Verhandlungen über ein Kunstprojekt in Weissrussland (The Pink Mark). Gleichzeitig erreichte die Flüchtlingskrise ihren Höhepunkt, und an der griechischen Küste und der ungarischen Grenze wurde das Leid sichtbarer als zuvor. Ich hatte die Idee, etwas zu tun, aber keinen Plan.

Bei meiner grössten Ausstellung des Jahres, gefüllt mit Prominenz und dem Wohlstand Zürichs, traf ich Aicha Baakili. Nach einem kurzen Gespräch war die gemeinsame Grundlage da, aus der la classe entstand. Das Konzept stand schnell, Aicha war bereit, es zu finanzieren, und wir buchten den Flug an die türkisch-syrische Grenze.

Wie bei den meisten meiner Projekte war es ein Sprung ins kalte Wasser. Das Thema war überwältigend, und das Porträtieren war für mich völlig neues Terrain — ich hatte nie zuvor daran gearbeitet. Dass ich gerade einen sehr intensiven Arbeitsaufenthalt in Minsk für The Pink Mark hinter mir hatte, half nicht. Ich war roh, an meiner Grenze, aber gleichzeitig klar und nüchtern.

Über Bekannte von Aicha in der Grenzstadt Şanlıurfa fanden wir Hilfe bei der Suche. In den nächsten zehn Tagen bewegten wir uns durch Flüchtlingslager, Slums und Strassenränder zwischen der Stadt und der verschwommenen syrischen Grenze. Es gab Gespräche und Begegnungen, aber hauptsächlich tat ich das, wofür ich gekommen war: Flüchtlingskinder porträtieren.

Einführung

Die Geschichte meiner Familie ist von erzwungener Emigration durchzogen. Die Familie meiner Grossmutter suchte im osmanischen Palästina Schutz vor den wiederkehrenden Pogromen in Weissrussland. Die Familie meines Grossvaters verliess Polen auf der Suche nach besseren wirtschaftlichen Verhältnissen in den USA — und verliess die USA später wieder, um im Palästina der frühen 1920er-Jahre eine Zuflucht für das jüdische Volk zu bauen.

Mein Grossvater, mein Vater und in gewisser Weise auch ich haben die Palästinenser zu Flüchtlingen gemacht oder sie in diesem Zustand gehalten.

Meine Grossmutter hat uns immer von der grossen Deportation der jüdischen Bevölkerung von Tel Aviv nach Galiläa durch die türkische Armee erzählt. Von den Schlägen, die ihr Vater und die Ältesten der Gemeinde bekamen. Davon, wie die Türken zwei ihrer Brüder zwangsrekrutierten. Sie erinnerte sich an die Kälte und an den Hunger, der sie zwang, Maiskörner aus dem Pferdemist zu suchen, um sie zu rösten und zu essen.

Für mich waren die Kindheitsgeschichten meiner Grossmutter aber nie «schlimm». Sie erzählte sie immer mit kleinen Anekdoten — über ihre jüngere Schwester, oder über den Bruder, der so bleich und mager war, dass die Türken sich nicht in die Hütte trauten, was wiederum einen anderen Bruder rettete. Es gab keinen Hass, keinen Groll, keine Angst. Nur Kindheitsgeschichten.

Wenn ich diese Geschichten hörte, wollte ich mich immer in ihre Kindheit versetzen und auch ein Flüchtling sein.

Konzept

Kinder passen sich an. In den Gettos der NS-Zeit wurden bis zuletzt spielende Kinder beobachtet. Es gibt Berichte, nach denen selbst Kindersoldaten wieder zu Kindern werden, spielen und lachen, sobald die Situation es erlaubt. Ein Kind ist ein Kind. Es ist die Geschichte der Erwachsenen, die Kinder misshandelt, verhungern lässt, liebt oder umarmt.

Im Zentrum von la classe steht das Kind ohne Geschichte und ohne Herkunft: ein Flüchtling in der Welt der Erwachsenen.

Ein kurzer Klip der das Projekt beschreibt

Konzept «la classe» (Die Klasse)

Die Arbeit

la classe ist eine Installation aus Kinderporträts. Porträtiert werden syrische Kinder auf der Flucht und Schweizer Kinder. Die Porträts entstehen mit einfachsten Mitteln — schwarzer Kugelschreiber auf A4-Papier — und werden schlicht gerahmt. Dann hängen sie anonym nebeneinander, als gehörten sie zu einer Schulklasse: la classe 2015.

Form. Der mediale Marketingapparat benutzt immer wieder Kinderbilder, um Emotionen zu wecken, Angst zu schüren oder Empathie auszulösen. Die Gleichstellung von Kindern aus der eigenen behüteten Umgebung mit Flüchtlingskindern aus Lagern und Notunterkünften soll beides tun: Empathie für die Not anderer wecken und wachrütteln. Die vertraute schulische Form gibt dem Betrachter einen Raum, das ohne Marketinganspruch zu verarbeiten — einen Raum, in dem er eine eher abstrakte Wirklichkeit wahrnehmen kann: wir sind alle gleich.

Material. Die schulischen, fast bürokratischen Materialien — Kugelschreiber und A4-Format — haben mehrere Gründe. Neben der praktischen Überlegung angesichts des ungewissen Terrains war es mir wichtig, schnell reagieren zu können und nicht lange überlegen zu müssen. Ich habe mich an Kriegsreportern des 19. Jahrhunderts orientiert, aber mit einer visuellen Suche, die eher einer Kamera entspricht.

Und es sollte mich in meine eigene Schulzeit zurückversetzen — an das Kribbeln in meinen Heften erinnern und daran, was es bedeutet, Kind und Schüler zu sein.

Ziel

Wenn ich mich Arbeiten wie la classe widme, geschieht das oft impulsiv und spontan. Ein paar Dinge müssen stimmen, dann geht es los. Eines dieser Dinge ist Angst. Ich muss Angst haben — vor dem Thema, vor möglichen Konsequenzen, vor handwerklicher Überforderung.

In la classe begegne ich all diesen Ängsten und noch einigen mehr.

Ich will keine Angst haben.

Aber für mich waren Grossmutters Kindheitsgeschichten auf eine besondere Weise nie „schlimm“ gewesen. Sie hat sie immer mit kleinen Anekdoten über Ihre jüngere Schwester oder wie sie einer ihre Brüder der bleich und so sehr mager war das die Türken Angst hatten in ihre Hütte rein zu kommen (was wiederum einer andere Bruder gerettet hat.  Es gab aber keinen Hass und keinen Groll oder Angst, nur Kindheitsgeschichten.

Damals, als ich diese Geschichten hörte, wollte ich mich immer in ihre Kindheit versetzten und auch ein Flüchtling sein.

“la classe”

“la classe” ist eine Installation, die aus Kinder-Portraits zusammengestellt ist. Es werden syrische Kinder, die auf der Flucht sind und Schweizer Kinder portraitiert. Die Portraits werden mit einfachen Mitteln gefertigt (schwarzem Kugelschreiber auf A4-Papier) und werden in einfacher Art gerahmt. Dann werden sie anonym zusammen aufgehängt als gehörten sie zu einer Schulklasse, „la classe 2015“.

Interview zum Projekt

Aicha Baakili: Daniel, wie bist du auf das Konzept von la classe gekommen?

Daniel Eisenhut: Das Konzept ist aus unseren Gesprächen entstanden — über meine früheren Projekte und über deine karitative Arbeit im Nahen Osten. Es folgt aber einem für mich und meine Arbeit sehr grundsätzlichen Prinzip: Wir tragen alle unterschiedliche Geschichten mit uns, und jeder trägt diese Last auf seine eigene Art, aber am Ende sind wir alle gleich.

Warum machst du solche Projekte überhaupt?

Eine direkte Antwort habe ich nicht. Oft folge ich meinen tiefsten Ängsten, so wie bei la classe. Ich habe Angst davor, Flüchtling zu sein. Ich habe oft Albträume, in denen ich die Kinder meiner Schwestern aus Flüchtlingslagern befreien muss. Dazu kommt eine sehr klare Angst, die direkt aus dieser Flüchtlingskrise stammt.

Warum folgst du deiner Angst?

Wie ich es sehe, ist Angst — ob ich will oder nicht — der Hauptmotivator des menschlichen Daseins. Und weil Angst nichts ist, das ich mir gern ansehe, habe ich früh gelernt, sie umso genauer anzusehen. So gewinne ich meine persönliche Freiheit.

Ich bin Araberin, du bist Israeli. Wie beeinflusst das dieses Projekt?

Unsere kulturellen Unterschiede kommen dabei weniger zum Tragen, aber unsere kulturellen Gemeinsamkeiten geben la classe direkt und indirekt seinen Boden. Vielleicht unterstreicht dieser sehr symbolische Umstand das Projekt nur: Es geht hier nicht um Nationen, Fahnen, Kulturen oder ähnlichen Unsinn, sondern um Menschen, um Kinder. Ganz einfach.

Für la classe hast du sehr einfache Materialien gewählt — Kugelschreiber auf A4-Papier. Warum?

In meiner Arbeit geht es grundsätzlich um den Versuch, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Gerade bei geladenen Themen — Rechte von Schwulen in Belarus wie in meinem vorigen Projekt, oder eben Flüchtlingskinder mitten in einer Flüchtlingskrise — kann schon eine kleine Überreizung das Ganze verschwimmen lassen. Dazu kam die praktische Überlegung: Ich konnte nicht wissen, wo und unter welchen Bedingungen ich arbeiten würde. Mit diesen Materialien kann ich schnell reagieren und mich der Situation anpassen.

Die Arbeit mit den Kindern fiel dir oft sehr schwer. Warum?

Die Arbeit selbst ist leicht. Ich mache nur, was ich immer machen wollte: Ich zeichne Menschen. Völlig unterschätzt habe ich, dass diese Kinder fast ausnahmslos traumatisiert sind, manche mehr, manche weniger. Ich kenne posttraumatische Belastung aus den Gesichtern erwachsener Freunde und Bekannter in Israel, wo sie verhältnismässig häufig vorkommt. Aber hier tragen Kinder diese Zeichen im Gesicht.

Wenn ich Menschen zeichne, versuche ich, sie so zu malen, wie sie vor mir sind, und dabei so neutral wie möglich zu bleiben. Das bringt mit sich, dass ich oft Dinge sehe, die nicht lustig sind.

Wie wirkt sich das auf die Bilder aus?

Zu meiner Überraschung sind die Bilder oft sehr naiv, fast kitschig. Man sieht, dass es um Kinder geht — aber sie wirken sehr alt.